Zivilisationsopfer Eichhörnchen

Sabine Gallenberger mit zwei Eichhörnchen. Foto: no
München - Lisa ist ein klassisches Zivilisationsopfer. Das Eichhörnchenbaby wurde in der Münchner Innenstadt geboren. Ein gepflasterter Innenhof wurde ihm zum Verhängnis: Das sieben Wochen alte Hörnchen stürzte ab, brach sich ein Bein und versteckte sich hinter Mülltonnen. Ohne die Finder und Familie Gallenberger wäre Lisa qualvoll gestorben. Jetzt springt sie zusammen mit vier anderen Hörnchen durch eine Voliere in einer Auffangstation in Waldtrudering.
Jimmy, Tommy, Mickey, Zwicki und Lisa wetzen am Gitter entlang, klettern flink den Baumstamm hoch, schwups - ein Sprung in das Netz voller Fichtenzweige, und weiter geht’s über Kopf an der Decke der Voliere. Die vier jungen Eichhörnchen sind voller Energie - „höchste Zeit, dass sie raus kommen”, sagt Sabine Gallenberger. Die 27-Jährige hat sich seit drei Jahren zusammen mit ihrer Mutter Heidi den Hörnchen verschrieben. Sie kümmern sich um die Hörnchen - von der Aufzucht mit der Flasche bis zur Auswilderung. In diesem Jahr haben 215 Eichhörnchen die Erstversorgung der Gallenbergers genossen.
Doch in diesem Ausmaß ist die Aufzucht für die Gallenbergers nicht mehr machbar. Die Auffangstation stößt an ihre Grenzen. „Dabei benötigt jedes Jungtier, das sich am Boden befindet, schnell Hilfe in einer Auffangstation”, betont Heidi Gallenberger. Doch ohne weitere Unterstützung können künftig nicht mehr so viele Hörnchen aufgenommen werden, „weil das Arbeitsaufkommen so nicht mehr zu bewältigen ist”, sagt die Eichhörnchen-Mama.
Junge Hörnchen brauchen nahezu eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. „Die Babys müssen alle zwei bis vier Stunden gefüttert werden”, berichtet Heidi Gallenberger. Deshalb werden dringend noch Pflegestellen gesucht, die sich um mindestens zwei Eichhörnchen kümmern. Die Gallenbergers würden so ein bisschen entlastet werden und stehen den „Pflegeeltern” natürlich mit Rat und Tat zur Seite. „Man braucht Zeit, Tierliebe und eine ruhige Umgebung.”
Sobald die Hörnchen zwölf Wochen alt sind, geht es in die Auswilderungsvoliere. Hier bekommen die Kleinen unter anderem Tannenzapfen, Kiefernsamen, Nüsse, Rinde, Fichtenzweige. Außerdem trainieren die Eichhörnchen in der Voliere das Klettern und präzise Springen. Danach geht es Schritt für Schritt in die Freiheit: Eine weitere Voliere am Waldrand bereitet die Eichhörnchen auf ihren Lebensraum vor. Schließlich folgt die Auswilderung. „Aber wir füttern auch die Ausgewilderten noch weiter”, so Heidi Gallenberger.
Den Eichhörnchen, die unter Artenschutz stehen, die Aufzucht weiterhin zu sichern, wäre der Traum für Heidi Gallenberger. Eine Vereinsgründung über eine Stiftung ist ihr Ziel. 90 Prozent der Eichhörnchen, die zu Gallenbergers kommen, sind Zivilisationsopfer wie Lisa. Die Tiere werden in der Stadt zwischen Häusern geboren, stürzen beim Spielen ab und fallen knallhart aufs Pflaster. „In schlimmen Fällen droht wegen einer Kieferverschiebung eine Zahnfehlstellung: Dann wetzen sich die Zähne nicht mehr auf natürliche Weise gegenseitig ab, sondern müssen alle zwei bis drei Wochen geschnitten werden. Diese Hörnchen können auch nicht in die Freiheit entlassen werden, sondern kommen im Münchner Tierheim unter: Dank eines deutschlandweit einmaligen Projekts leben die „Zahnfehlstellungs-Hörnchen” in einer etwa hundert Quadratmeter großen Voliere. Sabine Gallenberger, die mittlerweile fit ist auf dem Gebiet der Eichhörnchen-Kunde, schneidet ihnen alle paar Wochen stressfrei die Zähne. So wird sie auch weiterhin mit Lisa in Kontakt bleiben. Das Sorgenkind aus der Innenstadt hat leider auch eine Zahnfehlstellung.
Jede Unterstützung ist willkommen - egal, ob Nussspenden, Pflegestelle oder Auswilderungsmöglichkeiten bei Tierfreunde, die am Waldrand wohnen. Wer helfen möchte, kann sich mit Heidi Gallenberger unter 0171/8132835 in Verbindung setzen.
no/Münchner Merkur






