Staupe, Carrésche Krankheit

Foto: Intervet Deutschland GmbH
Die Staupe ist weltweit die bedeutendste Viruserkrankung der Caniden (Hundeartigen). Sie ist hochansteckend. Bis ca. 1960, also bevor ein Staupeimpfstoff zur Verfügung stand, war sie die verlustreichste Infektionskrankheit des Hundes. Bis in die heutige Zeit kommt es bei ungenügendem Immunisierungsgrad einer Population immer wieder zu Epidemien, denen ein großer Teil der ungeschützten Tiere zum Opfer fällt. In den Jahren 1994/1995 starben hunderte Hunde in Finnland an Staupe. Erst als wieder ca. 70 Prozent der finnischen Hunde einen Impfschutz aufwiesen, konnte die Epidemie gestoppt werden. In einigen Gegenden Deutschlands (Bayern, Mecklenburg-Vorpommern) wurden seit Beginn 2008 zahlreiche verendete Füchse gefunden, bei denen der Staupeerreger als Todesursache nachgewiesen wurde.
Bekannt ist das Krankheitsbild in Europa wahrscheinlich bereits seit Mitte des 18.Jahrhunderts, eine genaue Beschreibung der Symptome und des Verlaufs stammt aus dem Jahr 1809. Im Jahre 1905 konnte der französische Wissenschaftler H. Carré den Erreger nachweisen, ein Morbillivirus (Paramyxovirus), das eng mit den Erregern der Rinderpest und der Masern verwandt ist. Das Virus ist hitzelabil, aber resistent gegenüber Kälte und Trockenheit. Tiefgefroren überlebt das Virus jahrelang.
Das Infektionsspektrum umfasst alle Caniden (Hundeartigen), Musteliden (Marderartigen) Procyoniden (Wickelbären, Waschbären, Pandas) und Robben. Eine sehr hohe Empfänglichkeit besitzt der Kleine Panda (Ailurus fulgens), bei dem selbst für den Hund und das Frettchen avirulente Stämme zur tödlichen Erkrankung führen. Hyänen und Bären scheinen resistent zu sein, Feliden (Katzenartige) scheinen inapparente (symptomlose) Infektionen durchzumachen.
Infizieren können sich Hunde jeden Alters, besonders gefährdet sind aber junge Hunde zwischen drei und sechs Monaten, ungeimpfte oder immunsuppressive Hunde. Die Übertragung erfolgt oral oder aerogen, als Tröpfcheninfektion, mit Augen-, Nasensekret und Speichel, über infiziertes Futter, Gegenstände (Schuhe, Kleidung). Auch eine intrauterine Übertragung ist möglich. Infizierte Hunde scheiden das Virus über alle Sekrete und Exkrete wochenlang aus, beginnend etwa fünf Tage nach der Ansteckung über Nasensekret und Speichel.
Die Inkubationszeit beträgt drei bis sieben Tage.
Der Krankheitsverlauf kann, abhängig von der Virulenz des Erregers und dem Immunstatus des Hundes, akut, subakut oder chronisch sein, wobei die Formen häufig ineinander übergehen. Akute Formen sind am häufigsten. Zu Beginn der Krankheit kommt es zu einem biphasischen Temperaturanstieg, wobei das Fieber bis auf 41°C ansteigen kann. Dementsprechend sind die Tiere appetitlos, sie leiden an Erbrechen, Durchfall, serösem Augen- und Nasenausfluss. Es folgt die Virusvermehrung in den Tonsillen (Rachenmandeln). Die Körpertemperatur sinkt nun wieder auf Normalwerte. Bei guter Immunantwort wird das Virus innerhalb 14 Tage erfolgreich bekämpft (subklinischer Verlauf). Bei suboptimalem Immunstatus erfolgt eine klinische Manifestation der Staupe. Die nun auftretenden Symptome variieren, je nachdem, welche Organe betroffen sind und ob es zu Sekundärinfektionen kommt. Diese werden dadurch begünstig, dass das Virus selbst eine Immunsuppression bewirkt. Man unterscheidet katharrhalische (Bindehautentzündung, Entzündung der verschiedenen Augenabschnitte, Schnupfen, Mandelentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung, Durchfall), gastrointestinale (Erbrechen, völlige Nahrungsverweigerung, Durst, starker schleimig-blutiger Durchfall, Austrocknung), kutane (kleine, flüssigkeitsgefüllte Bläschen an unbehaarten Hautstellen wie Ohrinnenfläche, Achseln, Unterbauch Innenschenkel) und nervöse Staupe. Die nervöse Form prägt sich spät - in der vierten Krankheitswoche oder nach scheinbarer Genesung - aus. Der Appetit ist hierbei häufig sehr gut. Die Symptome sind sehr vielfältig: Beißsucht, Speicheln, Muskelkrämpfe mit Zuckungen, Krämpfe der Kaumuskulatur, Schiefhals, Lähmungen der Hinterbeine (die in ungünstigen Fällen nach vorne fortschreiten und zu Atemlähmung und somit zum Tod führen), Beeinträchtigung der Sinne (z. B. Erblindung). Sowohl in der grauen, als auch in der weißen Substanz ruft das Virus Veränderungen im Gehirn hervor, die denen bei der Multiplen Sklerose des Menschen gleichen. Nach Genesung kann eine Epilepsie zurückbleiben. Außerdem sind die Staupeviren eingeschränkt fähig, jahrelang in Neuronen zu persistieren, ohne dass das Immunsystem sie erkennt. Es kann so immer wieder zu Rückfällen kommen.
Eine besondere Form der Staupe ist die Hartballenkrankheit, Hard pad Disease. Hier ist der Verlauf bösartiger und schneller als bei den anderen Formen. Nervöse Erscheinungen treten meist schon früh auf, die Temperaturkurve ist eingipflig und die Magen-Darm-Symptome überwiegen. Typisch ist eine starke Verhornung des Nasenspiegels und der Pfotenballen, eine sogenannte Hyperkeratose.
Werden Hunde vor dem Zahnwechsel mit Staupe infiziert, kommt es zu einer Schmelzhypoplasie der bleibenden Zähne, dem sogenannten Staupegebiss. Die Prognose ist bei der nervösen Form ungünstig, bei den anderen Formen je nach Immunstatus zumindest zweifelhaft.
Eine Therapie der Staupe ist nicht möglich. Behandelt wird symptomatisch.
Als Prophylaxe stehen verschiedene, sehr gut verträgliche Impfstoffe zur Verfügung. Die Impfung gegen Staupe gehört zu den Core-Impfungen, den Impfungen also, die von der Ständigen Impfkommission als ‘Pflichtimpfungen’ empfohlen werden. Wichtig sind neben einer korrekt durchgeführten Grundimmunisierung Wiederholungsimpfungen in der Regel im Abstand von ein bis drei Jahren je nach Impfstoff und Gefährdung.
D.K., 2008
Literatur:
Bremermann, N., 2004: Besonderheiten der chronischen Form der nervösen Staupe.
Eigener, W., 1979: Enzyklopädie der Tiere.
Horzinek, M. C. Truyen, U., 2007: Neue Impfempfehlungen, Notwendigkeit und individuelle Konzepte.






