Reiten ist ihre liebste Therapie

Pferde helfen heilen.
Als Katharina diesmal zur Reitstunde kommt, ist alles anders. In der Halle wird das Dach erneuert, deshalb geht’s auf den Reitplatz. Katharina sieht einen kleinen Hocker zum Aufsteigen neben dem Pferd, ist sich plötzlich unsicher und sagt: “Nein.” Sie will sich zurückziehen, verspannt sich. Doch Rückzug gibt es nicht.
Ehe sich Katharina versieht, sitzt sie mit Hilfe zweier Reitstallmitarbeiter auf dem Pferd. Sobald das 17-jährige Mädchen den weichen, warmen Pferderücken unter sich spürt, den Geruch und die Bewegungen der dunkelbraunen Stute wahrnimmt, strahlt sie. Ihre Muskeln lockern sich, ihr Rücken wird gerade, Katharina richtet sich auf.
Das Mädchen ist körperlich und geistig behindert. Ein Sauerstoffmangel des Gehirns während der Geburt hat irreparable Schäden hinterlassen. “Als Baby ist Katharina nie gekrabbelt, nur gerobbt”, erzählt die Mutter. Erst mit fünf bis sechs Jahren hat Katharina laufen gelernt. Bis vor einigen Jahren musste sie noch ein Korsett tragen, weil der Muskeltonus in Beinen und Rücken zu niedrig war, um das Mädchen gerade zu halten. Dass ihre Muskeln nun stärker sind und sie das lästige Korsett los hat, verdankt Katharina auch den Pferden.
Seit drei Jahren geht sie zum Therapeutischen Reiten. Dort ist Katharina eine Vorzeigeschülerin von der Physiotherapeutin. Auf der Stute Heidi machen Katharina alle Übungen Spaß. “Und jetzt fünf Mal Helau, Katharina!” Die Physiotherapeutin geht neben Heidi und Julia her. Katharina konzentriert sich, nimmt die rechte Hand hoch, führt sie zur linken Schulter und streckt dann den Arm aus. “Helau!”, ruft sie dabei. Bei dieser Übung kreuzt der Arm die Körpermitte, somit werden beide Hirnhälften angeregt, erklärt die Physiotherapeutin. Auch das Klatschen erfordert, dass Katharina mitdenkt. „Jetzt rechts oben klatschen, dann links, jetzt hinten!” Das Mädchen lacht begeistert, klatscht immer schneller und zählt dabei mit. “So wird in einer spielerischen Form auch das Gedächtnis trainiert”, sagt die Physiotherpeutin. “Bei Katharina sieht man, wie effektiv die Hippotherapie wirkt.”
Diesmal ist die 17-Jährige allerdings nicht ganz bei der Sache. Katharina dreht sich abrupt um und starrt eine andere Reiterin an. Sie öffnet den Mund ein wenig, die Zunge schiebt sich zwischen die Zähne. “Zunge wieder rein, Katharina.” Die Umgebung auf dem Reitplatz ist für die 17-Jährige ungewohnt. Die freie Natur drum herum, die anderen Reiter und Pferde lenken das Mädchen ab. “Gewohnheit ist sehr wichtig”, sagt ihre Mutter. Deshalb hat sie auch zu Beginn der Reitstunde gezögert, als sie über den kleinen Hocker aufsteigen musste. Normalerweise drehen sie in der Halle ihre Runden. Katharina steigt dann von einer großen Rampe aus aufs Pferd und muss Bälle fangen, sich auf Heidis Rücken legen, die Arme strecken, beugen, kreuzen. Trainiert werden sollen Haltungs-, Gleichgewichtsund Stützreaktion sowie eine Regulierung des Muskeltonus.
“Durch die Bewegung des Pferdes gerät die Wirbelsäule des Reiters in Rotation - vom Becken bis zum Kopf”, erklärt die Physiotherapeutin. Dieser Rhythmus löst Verspannungen und Krämpfe: “Spastische Kinder werden ruhiger”, und nicht nur das: Kinder mit extremen X-Beinen, also einem Bein-Spasmus, können nachher stehen. Tonusregulation lautet das Stichwort. Außerdem kommt die so genannte Cerebralflüssigkeit ins Schwingen, was wiederum die Hirntätigkeit anregt. Bei Katharina ist der instabile Rumpf das Hauptproblem. Der Rhythmus des Pferdes bringt das Becken in eine Mittelposition, Katharina hält sich nur mit den Beinen auf dem Rücken von Heidi und macht dabei freihändig Übungen - zählen, reden, balancieren. Und mit Stolz sagt die Physiotherapeutin: “Bei Julia sieht man, wie effektiv die Hippotherapie wirkt.” Sie hilft dem Mädchen abzusteigen. Früher wäre Katharina umgefallen, wenn man sie anschubst. Jetzt schwankt sie zwar nach einem kleinen Schubser, aber sie gleicht sofort aus und steht fest auf ihren Beinen.
Ganz abgesehen von den körperlichen Erfolgen dank Hippotherapie weiß Katharinas Mutter: „Durch das Reiten hat Katharina auch mehr zu sprechen begonnen.” Zwar keine Sätze, aber immer mehr Wörter. Die ersten zusammenhängenden Worte hat Katharina erst von sich gegeben, als sie mit sechs Jahren in die Schule kam. Und durch das Reiten wurde es immer besser. Neben Mundmotorik und Sprechen erweitert und verbessert die Arbeit mit dem Pferd die Wahrnehmung, stärkt das Selbstbewusstsein und erweckt eine sinnvolle Lebensfreude - was Katharina anzusehen ist, nicht nur, wenn sie auf dem Pferd sitzt. “Katharina liebt Pferde”, erzählt ihre Mutter. Die großen Vierbeiner und Musik interessieren das Mädchen, sonst nichts. „Schwimmen wäre für Katharina auch nicht schlecht, aber sie hat panische Angst vor dem Wasser.” Die 17-Jährige bleibt also sicherlich den Pferden treu.
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Was ist Hippotherapie?
Hippotherapie ist der rein medizinische Einsatz des Pferdes im Sinne einer Ergänzung der Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage. Die Physiotherapeutin macht sich die therapeutisch besonders wertvollen dreidimensionalen Schwingungsimpulse des Pferderückens sowie die Zentrifugal-, Beschleunigungs- und Bremskräfte zu Nutze, die auf den Patienten einwirken. Das Pferd überträgt auf den Rumpf des aufrecht sitzenden Patienten etwa 100 bis 120 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute, die fast identisch mit dem Bewegungsablauf des Gehens eines durchschnittlichen Erwachsenen sind. Ein gehbehinderter Mensch hat so das Gefühl, selbst zu gehen.
Der Patient muss auf die ihm angebotenen Bewegungsimpulse im Rahmen seiner motorischen Fähigkeiten reagieren, das heißt er sitzt nicht aktiv zu Pferde, sondern er antwortet auf die auf ihn ununterbrochen einwirkenden Bewegungsreize. Muskelfunktionen oder Bewegungsabläufe wie das Gehen können so erhalten, verbessert oder wieder neu erlernt werden. Die Bewegung des Pferdes hat ebenso Auswirkungen auf das Gleichgewicht und die Koordination, auf die Rumpfaufrichtung und die Rumpfkontrolle, auf die sensomotorische Integration und auch auf die Psychomotorik durch gesteigerte Motivation.







Super! Ich mache zur Zeit ein Praktikum auf einem Reittherapiehof und erlebe das alles hautnah