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Die Königin und ihr Knecht

no-brigata11Unterweikertshofen - Im Reitstall der Kinder- und Jugendförderung Boomerang in Unterweikertshofen kümmern sich junge Menschen um ausgemusterte Vollblutpferde. Die Stute Brigata hat jedoch einen lebenserfahrenen Pfleger: den 64-jährigen Rentner Hans Bendler.

Brigata streckt ihren Kopf langsam nach vorne und schließt genießerisch ihre Augen. Neben ihr hantiert Hans Bendler mit zwei Bürsten. Auf jede Hand hat er eine gesteckt. So versucht er, mit beiden Händen gleichzeitig in synchronen Bewegungen über den Rücken der Dame vor ihm zu streichen.

“Als ich das erste Mal hierher kam, hatte ich ja keine Ahnung von Pferden”, sagt der 64-Jährige. “Ich musste das alles erst einmal lernen.” Mit viel Geduld ließ er sich beibringen, wie man Pferde striegelt und bürstet, wie man die Augen säubert, die Mähne kämmt und Parasiten aus dem Fell holt. “Aber wenn ich ihr in die Augen schau, ist darin so viel Dank, für den lohnt sich alles”, sagt der Pfleger.

Brigata hilft Hans bei der Pflege. Ab und an neigt sie ihren Kopf nach hinten und stupst seine Hände mit ihren Lippen vorsichtig an die richtige Stelle. Sie macht ihren Hals ganz lang, schließt die Augen und genießt die Fellpflege. Hans und Brigata haben sich vergangenen Herbst kennen gelernt. Liebe auf den ersten Blick war es nicht unbedingt. Hans ließ sich bei seinem ersten Besuch von dem Dreck abschrecken, Brigata kam wohl mit der Unbeholfenheit des Besuchers nicht ganz zurecht. “Nun, am Anfang war sie ein bisschen neutral dem Hans gegenüber”, meint Hannelore Gallin-Ast, die Pächterin des Reitstalls der Kinder- und Jugendförderung Boomerang in Unterweikertshofen. “Aber das hat sich bald gelegt.”

Die Vorsicht einem fremden Amateur gegenüber kann man der Stute kaum verdenken. Schließlich ist sie eine adlige Dame, eine edle Vollblütlerin, geboren in einem noblen Gestüt in Frankreich. Ihr richtiger Name ist Brigata von Brigadier Gerard, a.d. Licata. Als Rassepferd hat sich Brigata nicht nur in Galopprennen einen Namen gemacht, sondern auch als Mutter der klassischen Derbysieger Lando und Laroche. Ein Pferdeleben wie es im Buche steht - besser geht es kaum.

Nun ist die Lady eine gebrechliche Dame, 31 Jahre alt. Eine Greisin, könnte man sagen, “für ein Galopppferd so alt, das glaubt einfach keiner”, so die Besitzerin Gallin-Ast. Das ungewöhnlich lange Leben hat die Stute gezeichnet: Sie ist klapperdürr, auf einem Auge komplett blind, und das Fell steht in die verschiedensten Richtungen zu Berge.

Aber darum kümmert sich ja nun Hans. Jeden Mittwoch um halb vier kommt er zu Besuch, um “die Brigata zu striegeln und ihr ein bisschen Nähe zu geben”, so der Rentner. “Ja, mein Spatzerl, bist eine feine”, säuselt er seiner Brigata liebevoll ins Ohr. Die Stute knabbert an der Holzwand des Reitstalls. Das sei ein Zeichen des Wohlfühlens, meint Hannelore Gallin-Ast. Denn nach den anfänglichen Hürden zwischen den beiden hat sich nun eine Freundschaft entwickelt. Wenn Hans auch mit keiner adligen Vergangenheit aufwarten kann, ist er ebenso Rentner wie Brigata, und hat ebenso einiges in seinem Leben getan. Lkw-Fahrer ist er gewesen, über 20 Jahre lang war er fast jede Nacht unterwegs. Geschlafen hat er tagsüber.

Nach seinem Eintritt in die Rente im vergangenen Jahr fiel Hans in ein tiefes, dunkles Loch fiel. “Gesundheitlich ging es mir einfach gar nicht gut”, erzählt Hans. “Ich hatte Bluthochruck und war sehr depressiv.” Deshalb riet ihm sein Arzt, sich etwas zur Beschäftigung zu suchen - am besten ein Tier. “Wer hat Zeit, sich um ein altes Pferd zu kümmern?”, stand in einer Zeitungsanzeige, die Hannelore Gallin-Ast aufgegeben hatte. Hans hatte Zeit.

Hannelore Gallin-Ast hatte schon Erfahrung mit Besuchern aus Altenheimen gemacht, und wusste, dass der Umgang mit Pferden nicht nur Kindern, sondern auch der älteren Generation sehr gut tun kann. Und so wurde Hans in die Pflege eingelernt.
Seit sich der Rentner regelmäßig um das Pferd kümmert, hat sich sein Blutdruck normalisiert. Die allabendlichen Tabletten hat er bereits abgesetzt - die Depressionen sind verflogen. “Doch auch Brigata ist gesundheitlich ziemlich angeschlagen: sie ist dämpfig. Das bedeutet eine schwere chronische Erkrankung der Lunge - derzeit nicht heilbar. Die Ärzte wollten sie schon einschläfern”, erzählt Hannelore Gallin-Ast. “Aber ich habe sie nicht aufgegeben und mit Homöopathie stabil gehalten.” Und mit Hans.

Hans bringt jeden Mittwoch viel Zeit mit, viel Engagement und die heißgeliebten Leckerlis. Heimlich steckt er der Stute eine Banane nach der anderen zu. “Die mag sie so gerne, die kann sie gut beißen”, sagt Hans. Alle paar Minuten gibt es dazu Apfelstückchen, und wenn Hans selber so in das Striegeln vertieft ist, dass er nicht an Brigatas kulinarische Bedürfnisse denkt, weist die Lady ihn unverzüglich darauf hin und schiebt ihren Kopf mit Nachdruck in seine Jackentasche.

Wie bei so vielen Liebesgeschichten gab es jedoch auch kritische Zeiten zwischen Hans und Brigata. Heiligabend fiel auf einen Mittwoch - und so blieb an diesem Tag der allwöchentliche Besuch von Hans aus. Brigata wartete und wartete, und am Samstag schließlich legte sie sich einfach hin. Auf der eiskalten Koppel - ein Todesurteil für ein solch altes Pferd. Nach einiger Aufregung konnte Hannelore Gallin-Ast die Stute wieder aufstellen, doch nur vier Tage später, an Silvester, legte sich die Stute schon wieder hin. Alle Ärzte und Bekannten rieten der Stallbesitzerin, das Pferd in Ruhe sterben zu lassen. Doch dieses Silvester fiel auf einen Mittwoch. Und so ließ Hannelore Gallin-Ast nicht locker. “Brigata, Du musst aufstehen, der Herr Bendler kommt doch heute zu Besuch!”, hat sie immer wieder zu der Stute gesagt. Um drei Uhr stand Brigata auf den Beinen. Um halb vier stand Hans vor der Tür.

Hans versucht nun, die Stute umzudrehen. Dabei schiebt er die alte Dame einfach mit viel Kraft zur Seite, mit Demut vor einer ehemaligen Königin der Stuten hat das ganze wenig gemein. “Nun komm schon, meine Süße, stell dich da rüber”, befiehlt Hans und drückt kräftig gegen den alten Körper. Brigata seufzt, könnte man meinen, und ergibt sich dem Befehl. Auch bei einem Herrn in einem gewissen Alter ist eben viel Geduld angesagt.

Weitere Informationen zu dem Reitstall der Kinder- und Jugendförderung Boomerang in der Schloss Von-Hundt-Straße 1 in Unterweikertshofen gibt es unter der Telefonnummer 0 81 35/77 10 70.

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