Auf der Suche nach Krebszellen

Claudia May mit Sissi. Foto: no
Dachau - Wenn Sissi diesen Geruch in der Nase hat, weiß sie: Jetzt wird gleich gespielt. Der Geruch - das sind Krebszellen. Sissi ist einer von sechs Tumor-Suchhunden im Hause der Tierärztin Claudia May in Röhrmoos-Zieglberg (Landkreis Dachau).
In einer Reihe auf dem Boden stehen fünf kleine Plastikdosen mit grünem Deckel auf dem Boden, befestigt in einem Brett. „Such!” Dieses Kommando lässt sich Sissi nicht zweimal sagen. Die Schäferhündin huscht mit der Nase daran vorbei, schnappt sich zielsicher eine Dose und bringt sie.
Sissi riecht Stoffe, die ein an Krebs erkrankter Mensch über seinen Atem oder den Urin abgibt. Vor drei Jahren hat Claudia May begonnen, ihre Hunde zu Tumorsuchhunden auszubilden. Ursprünglich hat die aktive Hundesportlerin eine sinnvolle Beschäftigung für die Winterpause gesucht. In einem Fernsehbericht erfuhr sie von Krebssuchhunden in Amerika - und war sich sicher: „Das können meine auch.” Zum Team gehören neben Sissi der elfjährige Labrador Janina, die beiden Collies Conny und Charly, neun und sieben Jahre alt, sowie der dreijährige Schäferhund Falk. Ira, eine sieben Monate alten Schäferhündin, befindet sich noch in der Ausbildung.
Sissis ausgeprägter Spieltrieb kam der Ausbildung zum Suchhund natürlich entgegen. „Man muss sie gaga machen auf den Geruch”, erklärt die Tierärztin. Kein Problem für die aufgedrehte Sissi. Die Hündin lernte, dass ihr Spielzeug einen bestimmten Geruch hat - in diesem Fall den spezifischen Geruch, der beim erhöhten Stoffwechsel der Tumorzelle entsteht. Zunächst trainierte Claudia May mit Fällen aus ihrer Tierarztpraxis, dann arbeitete sie mit einer Urologischen Klinik zusammen. „Die haben mir Proben geschickt, und die Hunde konnten üben.”
Dank Sissis Nase könnten Vorsorgeuntersuchungen zur Krebsfrüherkennung bald der Vergangenheit angehören. Beim Lungenkrebs beispielsweise gibt es in der heutigen Schulmedizin keine befriedigenden Möglichkeiten zur Früherkennung. Weil sich ein Bronchialkarzinom meist im Verborgenen entwickelt, bemerkt der Betroffene erst Symptome, wenn die Erkrankung weit fortgeschritten ist. „Doch je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen”, sagt Claudia May. Tumorsuchhunde wie Sissi können den Krebs im Stadium 0, wenn auf dem Röntgenbild ein Tumor kaum zu sehen ist, erkennen. Der Patient muss nur durch einen speziellen Mundschutz atmen und diesen dann an die Tierärztin schicken.
Über Atemluft können die Hunde Brust- und Lungenkrebs erschnüffeln, über Urinproben wird Blasen-, Prostata, Nieren- und Uteruskrebs diagnostiziert. Claudia May hat sich auf nur eine Sparte konzentriert, zum einen, „weil die Urinproben irgendwie unangenehm waren”, zum anderen, weil die Nachfrage so stieg. Mehrmals täglich überprüfen die Hunde Atemproben. Wenn ein Hund eine Probe als positiv diagnostiziert, wird sie von den anderen Hunden aus dem Team kontrolliert. Und die Vierbeiner sind sich immer einig: In einem Fall haben Sissi und ihre Kollegen immer wieder eine Negativ-Probe angezeigt. Eine Krebserkrankung schien unmöglich, ist die Patientin doch frisch von der Mammographie gekommen. Claudia May empfahl eine Nachkontrolle -tatsächlich war ein Tumor in der Brust übersehen worden. Die Fehlerquote der Hundenasen geht gegen null, die Trefferquote liegt bei etwa 90 Prozent.
Sissi gehört zu den Hunden, die die Probe aus Schubladen herausholen, am Fundort scharren, sich ihr Spielzeug aktiv erarbeiten - ein so genannter Aktivverweiser. Passivverweiser wie die Labradorhündin Janina legen sich neben der positiven Probe hin. „Janina ist ein absoluter Nasenhund, die riecht’s auf drei Meter Entfernung”, sagt Claudia May. Janina wurde als Kontrollhund ausgebildet. Spürnasen-Nachwuchs Ira kommt dagegen ganz nach Sissi.
Informationen gibt es unter www.lungenkrebsdiagnose.com.
no/mm






